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Ich gendere, du genderst, sie gendert…

Awards gibt’s wie Sand am Meer. Das ist nicht nur bei den Kreativen der Fall, sondern gilt auch für die ganze Musikbranche rund um den Globus. Die Brit Awards sind ein besonders bekannter Exponent. Erfolgreiche Kapellen wie Coldplay, Oasis oder Mumford & Sons haben bei den Brit Awards schon mehrfach Preise abgeräumt. Aufhorchen lässt nun…

Adrian Schaffner

| 18. Januar 2022

Aufhorchen lässt nun das britische Musiksternchen Treffen mit der Ankündigung, dass künftig Preise nur noch in genderneutralen Kategorien vergeben werden. Statt wie bisher den besten Male Solo Artist und die beste Female Solo Artist separat zu ehren, werden diese Kategorien zu Artist of the Year zusammengefasst. Was im Englischen wunderbar funktioniert, verdreht sich in der ruppigen deutschen Übersetzung aus dem Presseticker zum puren Gegenteil der gutgemeinten Intention. Die neue geschlechtsneutrale Kategorie wird in der Berichterstattung mit bester internationaler Künstler übersetzt.

Jenseits des Ärmelkanals will man nicht nur die Differenzierung zwischen Frauen- und Männerkategorie eliminieren, sondern einen Award schaffen, der alle Musikstars divers und unabhängig ihres Geschlechts würdigt. Die Musikgrösse und nichtbinäre Person Sam Smith hat sich explizit für Veränderungen in diese Richtung ausgesprochen. In diesem Kontext wirkt die deutsche Übersetzung bester internationaler Künstler ausgesprochen ironisch.

Dieses Beispiel zeigt, dass für Textarbeitende hierzulande spätestens jetzt die Zeit für längst fällige Herausforderungen angebrochen ist. Es erstaunt also nicht, wenn mit Genderstern, Binnen-I, Doppelpunkt, Schrägstrich oder Underline eine ganze Reihe von typografischen Wunderwaffen zum Einsatz kommt, um dem Wunsch nach geschlechtsneutraler Sprache gerecht zu werden.

 

Die Medien sind am Testen, der Bund spricht eine klare Sprache

Auf persoenlich.com war neulich zu lesen, wie Verlagshäuser, Zeitungen oder Onlinemagazine in ihren Publikationen herumdoktern, Sprachleitfäden entwickeln und das ganze sprachliche Arsenal austesten. Dem gegenüber zieht der Bund in einer aktuellen Weisung** vom Juni 2021 deutliche Grenzen. Die deutsche Sprache hat bislang keine Mittel herausgebildet, um Menschen, die weder weiblichen noch männlichen Geschlechts sind, spezifisch zu benennen, heisst es darin. So schliesst Bundesbern kategorisch die Verwendung von typografischen Gendermarkierungen aus. Es werden Beeinträchtigung der Lesbarkeit, mangelnde Barrierefreiheit, fehlende Akzeptanz und sprachpolitische Gründe ins Feld geführt. So ist es beispielsweise auch weiterhin verboten, in Volksinitiativen den Genderstern zu verwenden.


Wenn Sprache lebt, ändert sie sich laufend

Was heisst das nun für die Sprache in der Werbung und Kommunikation der sogenannten leichten Sprache? Wenn ein Teil der Presse übt und der Staat blockt, suchen wir Kreativen nach einer praktikablen Lösung. Befragt man linguistisch geschulte Menschen, wird man vernehmen, dass gesprochene Sprache grundsätzlich lebt und sich dem raschen gesellschaftlichen Wandel anpasst. Das Bewusstsein, ob in einer Aussage zum Beispiel auch Minderheiten angesprochen werden, entwickelt sich bei jüngeren Menschen rasant. Sollen diese Konsumgruppen nicht verloren gehen, muss sich die Sprache in der Kommunikation der entsprechenden Wahrnehmung angleichen.
Von bewusster Spielerei einmal abgesehen, sind typografische Auszeichnungen jedoch tendenziell heikel. Lesefluss und Verständlichkeit leiden oft deutlich darunter. Gleichermassen ist das generische Maskulinum keine Option mehr, selbst wenn darauf hingewiesen wird, dass alle Geschlechter damit gemeint sind. Wir müssen akzeptieren, dass sich die Welt weiter gedreht hat und die patriarchale Vormachtstellung des Mannes in der deutschen Sprache ausgedient hat.


Drei Prinzipien scheinen sich zu bewähren. Erstens werden Begriffe genutzt, die neutral auf kein konkretes Geschlecht hindeuten. Kind, Gast oder Personal sind solche Bezeichnungen. Zweitens wird bewusst auf ein konkretes Geschlecht verwiesen, wenn es der Tatsache entspricht und auch so gemeint ist. Bei einer Einladung zu einem Frauenfussballturnier ist es also tendenziell korrekt, wenn ausschliesslich von Spielerinnen gesprochen wird. Und drittens kommen sogenannte Partizipialformen zum Einsatz. Statt Zuschauer heisst es Zuschauende, statt Besucherin Besuchende, statt Leserinnen und Leser sprechen wir von Lesenden. Eine echte Hilfe beim Texten und Formulieren ist die Website genderator.app. Die als Suchmaschine aufgebaute Site liefert bei Suchanfragen meistens eine Vielzahl von alternativen, genderneutralen Begriffen. Sprachlich spannend bleibt es zuweilen trotzdem. Wenn bspw. vom Schneemann, der Hebamme oder dem Sparfuchs die Rede ist. Nicht bei allen Begriffen oder Textsorten werden wir vernünftige Lösungen finden. Aber hey: wir gehören doch zu den Kreativen!

 

Erschienen im Persönlich

**Umgang mit dem Genderstern und ähnlichen Schreibweisen in deutschsprachigen Texten des Bundes. Weisung und Erläuterungen der Bundeskanzlei vom 15. Juni 2021

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